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Warum scheitern Ehen mit einem behinderten Kind?


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Warum scheitern Ehen mit einem behinderten Kind?

Eigentlich schreibe ich ganz gerne Kurzaufsätze zu pädagogischen Themen, und als Herr Sparty mich fragte, ob ich zu dem Thema „Warum scheitern viele Ehen mit einem behinderten Kind?" einen Beitrag verfassen könnte, wollte ich mich zunächst elegant der Anfrage entledigen, indem ich darauf verwies, Pädagoge und nicht Therapeut zu sein. Doch so einfach kann man sich die Sache nicht machen. Ein Pädagoge muss auch ein wenig therapeutisch tätig sein, wenngleich er keine spezifisch therapeutische Ausbildung absolviert hat. Besserwäre es natürlich, wenn er eine solche hätte. Doch welcher Schwerpunkt ist der richtige -eine psychotherapeutische, fokussierende oder aber familienorientierte, systemische Richtung? Die Antwort ist nicht unwichtig, weil sie eine Schwerpunktsetzung bei der Betrachtung der Familiensituation des behinderten Kindes vornimmt. Der Schwerpunkt offenbart die Sicht, aus der argumentiert wird. Aber unterschiedliche Problemlagen erlauben keine einheitliche, allgemeingültige Sicht und so gibt es auch nicht die einzig richtige Therapie, die erklären kann, warum viele Ehen mit einem behinderten Kind zerbrechen. Ich kann also den therapeutischen Erklärungsansatz wieder verlassen, und es wird deutlich, warum ich dieses schwierige Thema eigentlich nicht behandeln und unserem Schriftleiter zurückgeben wollte. Systematische Betrachtung Doch starten wir einen zweiten Erklärungsversuch, einen eher pragmatischen und soziologischen, da ist mir sehr viel wohler. Möchte man eine Antwort auf die Frage erhalten, warum viele Ehen mit einem behinderten Kind scheitern, so gibt es drei Ebenen, die es zu unterscheiden und zu bearbeiten gilt. Da ist zunächst der einzelne Mensch. Dieser muss möglichst genau analysiert werden, seine Herkunft, Erziehung, Sozialisation, Berufsausbildung, Hobbys, Ziele, erfüllte, unerfüllte Wünsche usw. Dieser einzelne Mensch hat ein prägendes Vorleben erfahren, wenn er einen zweiten einzelnen Menschen heiratet egal ob gleichgeschlechtlich, in erster oder zweiter Ehe. Diese beiden verschiedenen Menschen müssen nun - und dies ist die zweite Ebene der Betrachtung gemeinsame Vorstellungen entwickeln, wobei sie sich individuelle Freiräume zugestehen und gleichzeitig Kompromisse eingehen. Die zweite Ebene verlangt Offenheit und Vertrauen. Hier geht es darum, eine gemeinsame Linie zu finden. Beide Partner müssen Themen bearbeiten wie Sex, Liebe, Treue, Verantwortung, Hobbys, Freundschaften, Ziele usw. Im Idealfall ergänzen sich die zwei Individuen, unterstützen sich und werden fähig, sich weiter zu entwickeln und schwierigen Aufgaben zu stellen. Doch häufig zerbrechen auch viele Ehen, weil die zwei unterschiedlichen Individuen nicht Partner geworden sind und sich so nach und nach auseinander gelebt haben. Bleiben wir jedoch bei den Individuen, denen es gelungen ist Partner zu werden. Sie sind in der Lage, auch mit grossen Schwierigkeiten fertig zu werden. Sollten sie ein behindertes Kind haben, so besteht sogar die Möglichkeit, dass die Familienbande wächst und dass die Beteiligten ein für sich erfülltes Leben entwickeln. Für Aussenstehende ist dies zumeist unverständlich. Man hört denn Kommentare wie „die arme Familie hat mit dem Kind ein schweres Schicksal", „Frau M. pflegt ihren kranken Sohn und ist immer so zufrieden" oder „Herr R. opfert sich für seine Familie auf’, wenn er nicht auf seinen Vorteil aus ist. Dies ist die dritte Ebene der Betrachtung. Der Leser, der die drei Ebenen überprüft, kann nun sehr schnell selbst die Frage beantworten, warum viele Ehen mit einem behinderten Kind scheitern. Viele Menschen erfüllen nicht einmal die Anforderungen der ersten Ebene. Sie haben sich nämlich niemals ernsthaft mit sich selbst beschäftigt. Sie wissen nicht wirklich, was sie wollen. Zugegeben, lebensphilosophische Fragen zu beantworten, ist nicht ganz einfach und da sich die Gesellschaft ständig weiterentwickelt, gibt es auch keine schlussendlichen Antworten auf diese Fragen. Auf der zweiten Ebene scheitern viele Ehen daran, gemeinsame Zielvorstellungen zu entwickeln und offen und vertrauensvoll über Themen Wie Liebe und Sex zu sprechen. Machen sie die Probe aufs Exempel, liebe Leser. Viele - insbesondere jüngere Menschen - können nicht einmal zwischen Liebe und Sex unterscheiden, weil sie zumeist nicht wissen, was Liebe ist. Es ist also gut möglich, dass zwei Individuen, die miteinander verheiratet sind, bereits bei diesen Themen aneinander vorbeireden. Viele Eheleute haben auch ihr prägendes Vorleben noch nicht genügend aufgearbeitet (Stichwort: Altlasten). Hinzu kommt, dass die Menschen nicht besser sein können als die Gesellschaft, in der sie leben. Dies ist für mich ein ganz wichtiger Satz. Wenn der bekannte Freizeitforscher Opaschowski feststellt, dass immer mehr Ehen geschieden werden, so liegt dies auch an der Propagierung des Single- Daseins als erstrebenswertes Ziel, um sich auch tatsächlich selbst verwirklichen zu können. Dies ist gewissermaßen die neue Erfüllung menschlichen Lebens. Unter diesen Gesichtspunkten kann ich ein Scheitern vieler Ehen durchaus verstehen und stelle als weiterführenden Gedanken die Institution Ehe zur Diskussion. Hat aber ein Ehepaar die zwei Ebenen erfolgreich bewältigt so kann es auch mit der Situation umgehen, ein behindertes Kind aufzuziehen. Sicher, werden die aussergewöhnlichen Belastungen zu gross, fühlt sich ein Ehepartner ständig überfordert, so kann es schon geschehen, dass er die Beziehung verlässt. Dies tut er aber nach reiflicher Überlegung, nicht aus einer Laune heraus und auch nicht, um im Leben vermeintlich Versäumtes umgehend nachzuholen. Zumeist wird in intakten Ehen alles versucht, um die Beziehung zu retten. In solchen prekären Situationen wird sogar therapeutische Hilfe - da haben wir sie wieder, die eingangs erwähnte Therapie - nachgefragt. Fazit Wenn wir dem bisher Gesagten Glauben schenken, so ist es nicht verwunderlich, dass ich aus meiner Praxis als Sonderpädagoge die Frage nach dem Scheitern vieler Ehen mit einem behinderten Kind zweifach beantworten möchte. Zum einen zerbrechen viele Ehen, weil die Menschen zu wenig über sich selbst, ihren Partner und die Partnerschaft wissen, das hat nichts mit einem behinderten Kind zu tun und zum anderen habe ich die Erfahrung gemacht, das behinderte Kinder in intakten Familien gut aufgehoben sind, und sie keineswegs die Ehe der Eltern gefährden oder sie gar benutzt werden, um die Ehe der Eltern zu retten. In diesem Beitrag geht es also nicht um behinderte Kinder, sondern einzig um das Verhältnis der Eheleute zueinander. Eine intakte Ehe wird auch nicht durch ein behindertes Kind zerstört. Anschrift des Verfassers Dr. Fritz Quenstedt Lehrer für Sonderpädagogik Kirchweg 156 28201 Bremen



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